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15-08-07 work & care

«work & care» – Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege vereinbaren

An- und Zugehörige von hilfe- und pflegebedürftigen Personen sind für die Gesundheitsversorgung in der Schweiz unverzichtbar. Vor allem am «Gesundheitsstandort Privathaushalt» – der kleinsten sozialen Einheit der Gesundheitsversorgung – aber auch in Pflegeheimen und Spitälern übernehmen sie wichtige Aufgaben für ihre erkrankten, behinderten oder älteren Nächsten.

Um ihnen dieses Engagement langfristig zu ermöglichen, will sie der Bundesrat zukünftig besser unterstützen. Dazu legte er Ende 2014 den «Aktionsplan zur Unterstützung von pflegenden und betreuenden Angehörigen» vor. Die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege zieht sich wie ein roter Faden durch den gesamten Aktionsplan.

Die Position des Bundesrates

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Die Bemühungen des Bundesrates zielen darauf ab, die Erwerbsbeteiligung von Personen, die sich für ihre hilfe- und pflegebedürftigen Angehörigen engagieren, zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten. Zudem forciert der Bundesrat Massnahmen gegen den Fachkräftemangel und lancierte dazu die Fachkräfteinitiative.

«work & care» – ein Spannungsfeld mit „Wachstumspotenzial“

Ein interdisziplinäres Team bei Careum Forschung, dem Forschungsinstitut der Kalaidos Fachhochschule Departement Gesundheit forscht seit 2007 in diesem Spannungsfeld zwischen Arbeitswelt und Gesundheitswelt und prägte damit das Begriffspaar «work & care». In den Grossunternehmen, in denen wir repräsentative Umfragen durchführten, lag der Anteil von Mitarbeitenden mit hilfe- oder pflegebedürftigen Angehörigen bei jeweils mindestens zwölf Prozent. Die Umfrageresultate zeigen eindeutig, dass im Bereich «work & care» Handlungsbedarf besteht: Denn die Zahl von Menschen mit chronischen Krankheiten und Gebrechlichkeit im hohen Alter steigt. Aber auch medizinische Fortschritte haben Auswirkungen auf Erwerbstätige, z.B. für Eltern von Frühgeborenen oder für Erwerbstätige mit krebskranken Nächsten während einer Behandlung.

Ausgehend von den Forschungserkenntnissen erarbeiten wir verschiedene Materialien für unterschiedliche Zielgruppen, wie zum Beispiel:

Die Patient/innen- und Angehörigenperspektive ist für Careum Forschung zentral. Deshalb wird auch die Frage, wie Angehörige mit pflegebedürftigen Nächsten in der Gesellschaft wahrgenommen werden, untersucht. Aus Sicht einer Angehörigen ist ein Umdenken dringend erforderlich: Angehörige mit pflegebedürftigen Nächsten sind nicht als „Mängelwesen“ zu sehen, sondern anzuerkennen als Mit-Versorgende und Koproduzierende von Gesundheit (Jähnke & Bischofberger, 2015).

Gesundheitsbetriebe hinsichtlich «work & care» in besonderem Mass gefragt

Wenn es um die bessere Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege geht, sind alle Unternehmen gefragt. «work & care» betrifft jedoch die Betriebe im Gesundheitswesen in besonderem Mass. Denn hier wird sich der drohende Fachkräftemangel bei steigendem Bedarf an Gesundheitsleistungen folgenreich niederschlagen. Deshalb sind verstärkte Anstrengungen zur Gewinnung und Erhaltung von Fachkräften erforderlich. Ausserdem sind Gesundheitsbetriebe durch ihren Tätigkeitsbereich der Hilfe- und Pflegeleistungen auf verschiedenen Ebenen mit Vereinbarkeitsherausforderungen konfrontiert, die eng miteinander verzahnt sind. Die verschiedenen Ebenen und ihr Ineinandergreifen verdeutlicht die folgende Grafik:

15-08-07 work & care_GrafikAbbildung: Vereinbarkeitsherausforderungen in Betrieben des Gesundheitswesens

Besondere Vereinbarkeitsfragen in Gesundheitsbetrieben stellen sich, weil:

  • Gesundheitsbetriebe Klient/innen unterstützen, deren Angehörige ggf. eine Erwerbstätigkeit ausüben und dadurch möglicherweise in ihrer Vor-Ort-Verfügbarkeit eingeschränkt sind, d.h. die Mitarbeitenden der Gesundheitsbetriebe haben mit Angehörigen zu tun, die in einer «work & care» Situation sind.
  • Gesundheitsbetriebe Mitarbeitende beschäftigen, die sich im Privatleben ebenfalls für pflegebedürftige Angehörige engagieren («Double-duty Caregiving»)
  • eine grosse räumliche Distanz zwischen Mitarbeitenden und ihren pflegebedürftigen Angehörigen bestehen kann, die evtl. schwierig zu überbrücken ist («Distance Caregiving»). Dies gilt nicht nur für die Betriebe des Gesundheitswesens, sondern in unterschiedlichem Mass für alle Betriebe.
  • Diese Themen werden derzeit von Careum Forschung bearbeitet.

Zusammenarbeit mit den Pflegezentren der Stadt Zürich

Aktuell kooperiert Careum Forschung in zwei Forschungsprojekten mit den Pflegezentren der Stadt Zürich.

  1. «work & care connect» – eine Allianz von Pflegezentren mit Unternehmen?
    Eine neue Idee loteten wir jüngst mit Expertinnen und Experten aus: die Möglichkeiten einer Allianz von Anbietern von Tages- bzw. Nachtstätten und Betrieben, die so ihre Mitarbeitenden mit betreuungsbedürftigen Nächsten unterstützen wollen. Wie schätzen die Expert/innen diese innovative Idee vergleichbar einer betrieblichen Kindertagesstätte ein? Eine erste Auslegeordnung der Ergebnisse diskutieren wir im Careum Blog.
  2. «Double-Duty Caregiving» – ein neues Projekt im Gesundheitswesen mit Start im Juli 2015
    Gesundheitsfachpersonen engagieren sich häufiger für ihre erkrankten, behinderten oder älteren Nächsten als andere Berufsgruppen. Diese Doppelrolle wird international als „Double-duty Caregiving“ bezeichnet, d. h. sowohl im Beruf als auch privat sind diese Gesundheitsfachpersonen für Pflegebedürftige verantwortlich. Mit Unterstützung verschiedener Institutionen wird Careum Forschung von Juli 2015 bis Dezember 2017 vertiefte Erkenntnisse über die Herausforderungen und die Chancen dieser Doppelrolle erheben. Verschiedene Praxispartnerinnen im Raum Zürich arbeiten mit am Projekt. Mit dabei sind die Pflegezentren der Stadt Zürich als wichtige Vertreterin der Langzeitpflege – wir freuen uns auf die Zusammenarbeit und werden Sie hier über den Projektstand und die Erkenntnisse informieren.

Autorin: Anke Jähnke, RN, M.A., MPH. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Careum Forschung

Die Publikationen von Careum Forschung sind – soweit es die Verlagsrechte erlauben – unter http://www.careum.ch/publikationen öffentlich und frei zugänglich. Vertiefende Informationen zu work & care finden Sie unter http://www.careum.ch/workandcare.

Zum Weiterlesen

Bischofberger, I., Jähnke, A., Rudin, M. & Stutz, H. (2014). Betreuungszulagen und Entlastungsangebote für betreuende und pflegende Angehörige: Schweizweite Bestandsaufnahme im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit. Zürich/Bern: Careum Forschung/Büro BASS.

Bischofberger, I., Otto, U. & Franke, A. (2015). Distance Caregiving: Wie Angehörige ihre pflegebedürftigen Nächsten unterstützen können. Competence, 79(3), 28–29.

Bischofberger, I., Radvanszky, A., van Holten, K. & Jähnke, A. (2013). Berufstätigkeit und Angehörigenpflege vereinbaren. In Schweizerisches Rotes Kreuz (Hg.). Who Cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft. Zürich: Seismo, 162-184.

Jähnke, A. & Bischofberger, I. (2015). Entlastung von Angehörigen neu denken: Bundesrätlicher Aktionsplan zur Unterstützung für betreuende und pflegende Angehörige. Krankenpflege – Soins infirmiers, 108(5), 19–21.

Rudin, M. & Strub, S. (2014). Zeitlicher Umfang und monetäre Bewertung der Pflege und Betreuung durch Angehörige: Datenzusammenstellung, Factsheet. Bern.

Kommentare: 0 | Autor: Anke Jähnke (PZZ) | Kategorien: Kategorie Allgemein, Kategorie Forschung, Kategorie Gesellschaft, Kategorie Praxisprojekte

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